Sofja Kowalewskaja (russisch Софья Васильевна Ковалевская , wiss. Transliteration Sofja Vasiljevna Kovalevskaja; * 3. Januar / 15. Januar 1850 in Moskau; † 29. Januar / 10. Februar 1891 in Stockholm) war eine russische Mathematikerin.
Leben und Werk
Sofja Wassiljewna Krukowskaja kam am 15. Januar 1850 als zweites von drei Kindern des russischen Offiziers Wassili Wassiljewitsch Krukowski und seiner Frau Jelisaweta Fjodorowna, geborene Schubert, in Moskau zur Welt. Der Vater war damals Oberst und seit 1849 Kommandant der Waffenkammer im Kreml. 1852 ernannte man ihn zum General.
Die Eltern vertrauten – wie in ihren Kreisen üblich – Sofja sofort nach ihrer Geburt einer Kinderfrau an. Diese betreute die Kleine liebevoll, redete ihr aber ein, sie würde von ihren Eltern nicht geliebt, und kein Mensch würde sich um sie kümmern, wenn sie dies nicht täte. 1855 versetzte man den Vater in die Provinzstadt Kaluga, wo wenig später der Sohn Fjodor das Licht der Welt erblickte. Licht gehört zur elektromagnetischen Strahlung, es umfasst den für Menschen sichtbaren Spektralbereich zwischen UV-Strahlung und Infrarotstrahlung.
Als Sofjas Vater seine Abstammung von einer polnischen Adelsfamilie und – über eine andere Linie – vom ungarischen König Matthias I. Korwin (1440–1490) belegte, wurde er 1858 in den Adelsstand erhoben. Außerdem durfte er sich Korwin-Krukowski nennen und ein Familienwappen führen. Bald darauf quittierte er seinen Dienst bei der Armee und zog 1859 mit seiner Familie auf das von seinem Vater geerbte Landgut Palibino im Gouvernement Witebsk.
In Palibino wurde Sofja anfangs von einer französischen Gouvernante sowie später von einem polnischen Hauslehrer und einer englischen Gouvernante unterrichtet. Im Sommer 1865 entdeckte der Physikprofessor Nikolai Nikanorowitsch Tyrtow (1822–1888) an der Sankt Petersburger Marineakademie Sofjas mathematisches Talent.
Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Anjuta (1843–1887) unternahm Sofja im Herbst 1866 eine Reise durch Deutschland und die Schweiz. Von Anfang 1868 bis Frühjahr 1869 erhielt Sofja in Sankt Petersburg bei Alexander Nikolajewitsch Strannoljubski (1839–1903) Mathematikunterricht und kam mit nihilistischen, studentischen Kreisen sowie mit der Frauenbewegung in Kontakt.
Um ein unabhängiges Leben führen und um studieren zu können, schloss die 18-jährige Sofja am 27. September 1868 mit dem Studenten Wladimir Kowalewksi (1842–1883) in Palibino eine Scheinehe. Im April 1869 verließ sie mit Wladimir und ihrer Schwester Anjuta Russland und begann im Sommersemester an der Universität Heidelberg ein Studium als Gasthörerin.
Bei einer Londonreise mit Wladmir im Herbst 1869 lernte Sofja die britische Schriftstellerin George Eliot (1819–1880) kennen. Zu Beginn des Wintersemesters 1869/1870 traf Sofjas Freundin Julia Lermontowa (1847–1919) aus Moskau in Heidelberg ein, um dort Chemie zu studieren und lebte zwei Monate lang mit dem Paar zusammen.
Im Oktober 1870 wechselte die 20-jährige Sofja Kowalewskaja nach Berlin, wo der deutsche Mathematiker Karl Weierstraß (1815–1897) von ihren Fähigkeiten so angetan war, dass er sie bis zum Sommer 1874 unentgeltlich privat unterrichtete, da die Universität Berlin Frauen noch nicht einmal als Gasthörerinnen zuließ. Weierstraß wurde nicht nur ihr Lehrer, sondern ein väterlicher Freund fürs Leben.
Während der Zeit der „Pariser Kommune“ im Frühjahr 1871 und nach der Niederschlagung des Aufstandes hielten sich Sofja Kowalewskaja, ihre Schwester Anjuta und Wladimir Kowalewski in der französischen Hauptstadt auf. Über ihre damalige Rolle gibt es widersprüchliche Darstellungen. Im März 1872 machte Wladimir sein Doktorexamen als Paläontologe.
Professor Karl Weierstraß bemühte sich ab April 1874 um die Zulassung von Sofja zur Promotion in Göttingen. Daraufhin legte sie drei zwischen Herbst 1873 und Frühjahr 1874 geschriebene umfassende mathematische Arbeiten vor und wurde aufgrund ihrer hervorragenden Leistungen im August 1874 ohne mündliche Prüfung mit „summa cum laude“ zum „Doktor der Philosophie“ promoviert. Auch in Göttingen wohnte Sofja mit ihrer besten Freundin Julia Lermontowa zusammen, die dort 1874 als erste Chemikerin promovierte.
Mitte August 1874 kehrten Sofja und Wladimir nach Russland zurück. In Sankt Petersburg schlossen beide Anfang 1875 eine echte Ehe. Da beide keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit fanden, beteiligten sie sich an Grundstücksspekulationen. Zu Beginn des Jahres 1876 wurde Wladimir Herausgeber der Zeitung „Nowoje Wremja“, für die Sofja Artikel verfasste. Aus politischen Gründen verließen Wladimir und Sofja 1877 die Zeitung. 1878 beteiligten sie sich an der Gründung der „Höheren Frauenkurse“ in Sankt Petersburg; Sofja durfte als Frau jedoch noch nicht einmal unterrichten. Am 17. Oktober 1878 brachte Sofja ihre Tochter Sofja („Fufa“) zur Welt. Im Februar 1879 scheiterten die Grundstücksspekulationen von Sofja und Wladimir, worauf sich Sofja entschied, zur Mathematik zurückzukehren.
Anfang 1880 hielt Sofja Kowalewskaja auf dem „6. Kongreß der Naturforscher und Ärzte“ in Sankt Petersburg einen viel beachteten Vortrag. Nach der öffentlichen Versteigerung ihres Besitzes zog sie mit ihrer Familie nach Moskau. Wladimir trat eine Stelle als Direktor einer obskuren Ölgesellschaft an. Ende Oktober reiste Sofja für zwei Monate zu Weierstraß nach Berlin. Im Dezember wurde Wladimir Dozent an der Universität Moskau.
Im März 1881 erklärte Sofja ihrem Mann, sie werde ihn verlassen, und fuhr mit ihrer Tochter zu Weierstraß nach Berlin. Am 29. März wurde Sofja zum Mitglied der „Mathematischen Gesellschaft“ in Moskau gewählt. Sie blieb bis zum Winter 1881 in Berlin und ging dann nach Paris. Ab 21. Juli 1882 gehörte Sofja der „Pariser Mathematischen Gesellschaft“ an.
Nach dem Bankrott der Ölgesellschaft, mit deren Aktien er sich verspekuliert hatte, nahm sich Wladimir Kowalewski in der Nacht vom 27. auf den 28. April 1883 das Leben. Sofja reiste Ende Juni zunächst nach Berlin und Mitte August nach Moskau, um Wladimirs Angelegenheiten zu regeln. Ende August trug sie auf dem „7. Kongreß der Naturforscher und Ärzte“ in Odessa ihre Erkenntnisse über die Doppelbrechung des Lichts vor.
Der schwedische Mathematiker Gösta Mittag-Leffler (1846–1927), den sie im Februar 1876 kennen gelernt hatte, konnte Sofja 1883 nach langen Verhandlungen endlich eine Stelle als Privatdozentin in Stockholm anbieten. Mitte Oktober reiste sie in die schwedische Hauptstadt. Am 30. Januar 1884 hielt Sofja in Stockholm ihre erste Vorlesung, und am 28. Juni jenes Jahres bekam sie einen Fünfjahresvertrag als „Professorin für höhere Analysis“ an der Stockholmer Hochschule. Außerdem wurde sie Redaktionsmitglied der 1882 gegründeten renommierten mathematischen Zeitschrift „Acta Mathematica“.
Im Sommer 1885 musste Sofja Kowalewskaja zu ihrer an Krebs erkrankten Schwester Anjuta nach Moskau reisen, die im September 1887 starb. Krebs ist eine durch eine bösartige Geschwulst verursachte lebensbedrohliche Erkrankung, wobei die Geschwulst in gesundes Organgewebe hineinwächst, bis schließlich das gesamte Organ durch Tumor-Gewebe zerstört ist. Zusätzlich zu ihren sonstigen Verpflichtungen wurde Sofja 1885 für ein Jahr die Vertretung der Professur für theoretische Mechanik übertragen. Im Frühjahr 1886 glückte ihr der Durchbruch bei der Lösung des so genannten Rotationsproblems, der mathematischen Beschreibung der Bewegung eines starren Körpers um einen festen Punkt. Am 24. Dezember 1888 wurde Sofja für diese Arbeit von der „Französischen Akademie der Wissenschaften“ die seltene Auszeichnung „Prix Bordin“ verliehen.
Im Winter 1887/1888 lernte Sofja Kowalewskaja den schwedischen Ingenieur und Industriellen Alfred Nobel (1833–1896) kennen. Er war von der 38-Jährigen fasziniert und machte ihr den Hof, doch der fast 20 Jahre ältere Mann erschien Sofja viel zu steif. Trotzdem gab es das Gerücht, Sofja hätte eine Affäre mit Nobel gehabt, aber ihn wegen Gösta Mittag-Leffler verlassen. Wegen dieser Schmach soll Nobel später angeblich Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie, nicht aber für die Mathematik ausgesetzt haben, als er hörte, der Mathematiker Mittag-Leffler sei ein potentieller Preisträger. Wahr ist lediglich, dass sich Nobel und Mittag-Leffler nicht mochten.
Im Juni 1889 erhielt Sofja Kowalewskaja eine „Professur auf Lebenszeit“ in Stockholm. Am 19. November 1889 ernannte man sie in Russland zum korrespondierenden Mitglied der „Sankt Petersburger Akademie der Wissenschaften“.
Seit einigen Jahren arbeitete Sofja auch literarisch. Nach der Preisverleihung begann sie mit der Niederschrift ihrer Kindheitserinnerungen, die Weihnachten 1889 in Schweden und im Sommer 1890 in Russland erschienen. 1890 schrieb sie den Roman „Die Nihilistin“, der 1896 postum herauskam.
Nach einem Besuch bei ihrem aus der Ukraine stammenden Verehrer, dem Historiker und Soziologen Maksim Kowalewski (1851–1916), in Beaulieu bei Nizza (Südfrankreich) kehrte Sofja Kowalewskaja am 4. Februar 1891 stark erkältet nach Stockholm zurück. Am 10. Februar 1891 starb sie nach einer schweren Lungenentzündung im Alter von nur 41 Jahren in Stockholm. Bei ihrer Besetzung auf dem Friedhof bedeckten Berge von Blumen aus vielen Ländern den Grabhügel. Im Juni 1891 hätten Sofja und Maksim heiraten wollen.
Auszug aus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_Kowalewskaja